WERNER BOOTE INTERVIEW - Plastic Planet

 

„Früher war die Erde einmal ohne Plastik.“

- so beginnt Werner Boote seinen Film

„Doch dann kam der große Auftritt des belgischen Chemikers Leo Hendrik Baekeland, In den Jahren 1905 bis 1907 entwickelte er Bakelite, das erste vollsynthetische Produkt aus Erdöl.

Nach der Steinzeit, der Bronze- und der Eisenzeit, haben wir jetzt die Plastikzeit. 

... Wir sind Kinder des Plastikzeitalters“.

 WERNER BOOTE SPRICHT ÜBER ...

...die Idee zum Film

1999 las ich in einer holländischen Tageszeitung, dass in einem Fluss in England eine schädliche Substanz zu finden sei, die von Kunststoffen stammt. Aufgrund dieser Substanz würden sich die Fische nicht mehr fortpflanzen können. Kurz darauf habe ich im Time Magazine gelesen, das Grönlandmeer sei mit Kunststoffen belastet. Diesen Tatsachen  konnte und wollte ich nicht Glauben schenken. So wurde ich auf die Plastikproblematik aufmerksam. Immer öfter fand ich Berichte in Zeitungen, die von einer Art Gefahr durch Kunststoffe erzählten. In einer österreichischen Tageszeitung las ich vor mehreren Jahren einen kleinen Bericht, der Pazifik sei durch Kunststoffe belastet. Ich wunderte mich, warum davon niemand Bescheid wusste! Einige Tage später stand in der gleichen Tageszeitung ein achtseitiger Bericht, der für Kunststoffe warb. Es handelte sich um einen bezahlten Artikel der Kunststoffindustrie. Darauf war meine Schlussfolgerung: Der kleine Bericht über das Aussterben der Fische in England wird leicht überlesen, hingegen vernakern sich die acht Seiten Plastikwerbung in den Köpfen der LeserInnen. Das war ein gravierender Beweggrund für mich, diesen Film über Plastik zu machen.

 

... das Anliegen des Films

Ich las viel über Teilbereiche zum Thema Kunststoff und sah unterschiedliche Fernsehberichte, die immer wieder nur über einzelne Teilaspekte berichten. Ich fragte mich warum es noch keinen Film darüber gab, der Alles in Einem zusammenfügte - das wollte ich mit meinem Film `Plastic Planet´ erreichen.

 

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  Werner Boote bekommt von seinem Großvater ein Spielzeugboot zum Geburtstag geschenkt

 

... seinen persönlichen Bezug

Mein Großvater war Geschäftsführer der deutschen Interplastikwerke. Er kam jedes Wochenende nach Wien und brachte mir immer schöne Geschenke, die hauptsächlich aus Kunststoff waren: Über seine Geschenke war ich stolz, weil sie bunt und fröhlich waren.

Ich hatte längst beschlossen den Film `Plastic Planet´ zu machen, als ich mich daran erinnerte, dass mein eigener Großvater in der Kunststoffindustrie tätig war. Am Telefon erzählte ich meiner Mutter von meinem Vorhaben und dass ich sehr schade fand, nie mit meinem Opa über Plastik geredet zu haben. Er hätte sicher viel gewusst. Meine Mutter  reagierte eingeschnappt und meinte, ich könnte auch sie zum Thema Kunststoff befragen. Schließlich behandelte ihre Diplomarbeit an der UNI Wien das Thema "Kunststoffe". Selbst meine Tante hatte mit ihrer Arbeit über Plastik promoviert. - Mir wurde klar, das Thema Kunststoff war stets präsent in meiner Familie. 

Oft werde ich gefragt, ob meine Familie nun auf mich böse wäre, weil ich einen Anti-Plastikfilm machte. Ich arbeitete zehn Jahre an diesem Film. In dieser Zeit verlor meine Familie oft den Glauben daran, dass ich diesen Film jemals fertig machen würde. Als der Film 2009 schlussendlich fertig war, waren alle nur mehr erleichtert und froh. (Werner Boote erzählt bei Kino unter Sternen über die Reaktion seiner Familie.)

 

  ... die Vorteile von Plastik

Die großen Vorteile von Kunststoffen sind: sie sind billig in der Produktion und meist leichter als ihre Alternativen. Es können durch Kunststoffe auch tolle Formen entstehen. Plastik kann einfach und schnell in bunte und knallige Formen gegossen werden, die einfach gut riecht - nach Phthlaten. (Lesen Sie darüber mehr auf der Seite: Fakten)

 

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... die Auswahl der Drehorte und Interviewpartner

Orte und Interviewpartner wählte ich aus rein persönlichem Interesse. Ich recherchierte lange und entschied, welche WissenschaftlerInnen mir vertrauenserweckend erschienen. Diese begleitete ich dann über Monate und Jahre. Ähnlich verhielt ich mich bei der Auswahl der Drehorte. Ich fuhr dorthin, wo ich das Gefühl hatte, die Plastikproblematik am besten darstellen zu können. Nehmen wir als Beispiel die sogenannte `Insel der Natur´ in Japan. Auf dieser Insel gibt es ein großes Müllproblem. Widersprüche wie diese suchte und fand ich zuhauf.

 

... seine Rolle vor der Kamera

Jeder meiner Filme stellt sich einer persönlichen Frage, auf die ich eine Antwort suchte. Deshalb spielte die Person Werner Boote auch in diesem Film eine entscheidende Rolle und zwar die des Suchenden. Oft wurde ich damit konfrontiert, eine Art österreichischer Michael Moore zu sein. Das kommt nur deswegen, weil es sich um einen investigativen Film handelt und Michael Moore der erste war, der diese Art Dokumentarfilm in den Mainstream brachte. Das vielfach von meinen Kolleginnen praktizierte „Hallo, ich sage euch jetzt wie die Welt funktioniert“ lehne ich ab. „Plastic Planet“ ist ein Film, der dem Publikum ermöglicht, mich beim Herausfinden - wie es um unseren "Plastik"-Planeten steht - zu begleiten und zu beobachten.

 

 ... die Angst vor den Mächtigen

Im Laufe meiner beruflichen Karriere wurde ich oft bedroht. Die ersten Morddrohungen erhielt ich bereits nach meinem ersten Dokumentarfilm. Dadurch, dass meine Filme stets heikle Themen behandeln, bin ich heftige Reaktionen auf meine Filme gewohnt. Jetzt gehen die Plastikindustrie und die Ölindustrie auf die Barrikaden. Ich ziehe einfach meine plastikkugelsichere Weste an und warte was passiert. (Lesen Sie über die Reaktionen der Kunststoffindustrie auf "Plastic Planet".)

 

... zehn Jahre Arbeit an diesem Film  

Ist es mein Lebenswerk? Ich weiß es nicht - auf jeden Fall war es war ein wichtiger Film. Anfangs war ich gutgläubig, da mein Großvater Geschäftsführer der deutschen Interplastik-Werke war. Ich dachte: Diese Industrie macht 900 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, die müssen doch ihre Produkte auf Gefahrenstoffe prüfen! Es dauerte eineinhalb Jahre, bis ich endlich einen Interviewtermin beim Präsidenten der europäischen Kunststofferzeuger bekam. Ich wollte bei Kunststofffirmen filmen, aber alle Anfragen wurden abgelehnt. Einmal rief ich bei einem spanischen Unternehmen an und - bevor ich mich noch fertig vorstellen konnte - bekamen ich zu hören: "Ich weiß schon längst von ihrem Filmprojekt aus Brüssel - danke nein!" Während dieser Zeit gab ich den Auftrag, einen aufblasbaren Plastik-Globus auf besorgniserregende Chemikalien zu testen. Wie sich zeigte, strotzte er nur so von Weichmachern und Quecksilber jenseits aller EU-Grenzwerte. Zu Beginn recherchierte ich auf eigene Kosten. Die Finanzierung für den Film bekam ich schließlich im Jahre 2004 zugesprochen.

 

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... Probleme während der Dreharbeiten

Die größten Schwierigkeiten mit den Big Playern der Kunststoffindustrie waren mit ihnen überhaupt in Kontakt zu kommen. Sie sind einfach nicht daran interessiert, dass über sie berichtet wird. Selbst die größte amerikanische TV-Sendung „60 Minutes“ bekam den Boss der Kunststoffindustrie nie vor die Kamera. Mein Team und ich arbeiteten 18 Monate daran, ein Interview mit dem Präsidenten von Plastics Europe zu bekommen. Das ist der Vorteil eines Kinodokumentarfilms. 18 Monate kann kein Fernsehsender zeitlich durchhalten.

Beim Aufeinandertreffen mit den Interviewpartnern war das Vertrauen aber immer sehr schnell da. Vermutlich aus dem Grunde, weil ich erzählte, dass mein Großvater in der Kunststoffindustrie tätig war. Diese Tatsache verschaffte mit auf gewisse Weise den Status eines `Freundes´ oder gar `Familienmitglieds´. Deswegen redete man mit mir auch sehr locker. Aber sobald ich kritische Fragen stellte, erhielt ich ausweichende Antworten.

Die größte Herausforderung war es, im Film nicht zu tief in technischen Details zu gehen und nicht in Versuchung zu geraten, alle chemischen Substanzen genau erklären zu wollen. Andererseits aber wollte ich das Thema `Plastik´ ausführlich und global behandeln.

Innerhalb der zehnjährigen Filmproduktionsphase gab es ein Monat Pause, in dem ich völlig die Nerven wegwarf. Ich dachte: „Um Gottes Willen! Rund um mich ist Gefahr, aber niemand weiß es! Bin ich der Einzige, der davon weiß?" Das  machte ich im Film auch zum Thema einer Szene.

 

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(Fotograf: Andy Urban) 

 

... seinen persönlichen Umgang mit Plastik

Früher stand neben meinem Computer immer eine Plastikflasche. Diese füllte ich mit Leitungswasser nach und trank daraus. Dann las ich Studien, die besagten: `Je öfter Plastikflaschen nachgefüllt werden, desto mehr Zusatzstoffe und besorgniserregende Chemikalien treten aus dem Plastik aus.´ Also tauschte ich die Plastikflasche gegen eine Glasflasche um. Das war zu Beginn der Recherchen zum Film. Ab diesem Zeitpunkt änderte ich sukzessive meine Kaufgewohnheiten und begann mein `plastikbewusstes Leben´. Gänzlich plastikfrei lebe ich (noch) nicht. Denn die Elektrokabel in meiner Wohnung sind plastik-ummantelt, der Kühlschrank ist mit einer PVC-Profile bezogen und die Filmkamera, mit der ich Filme mache, besteht zu einem großen Teil aus Plastik. Übrigens bewirkte die Veränderung meines Einkaufsverhaltens etwas: im Film `Plastic Planet´ ließ ich mein Blutplasma auf Plastik-Substanzen testen und die Ergebnisse waren erschütternd. Eineinhalb Jahre nach dem Film ließ ich mein Blut erneut testen. Jetzt habe ich deutlich weniger Plastik-Substanzen im Blutplasma. Das heißt: Beim achtsamen Einkaufen profitiert nicht nur unsere Umwelt sondern wir tun auch unserer Gesundheit Gutes! (Lesen Sie mehr über Plastikfrei leben

 

... die „Message“ an das Publikum von „Plastic Planet“

Ich würde nicht sagen „Kauft überhaupt kein Plastik mehr“, denn das würde nicht funktionieren. Doch wenn es mir mit meinem Film gelingt, Menschen zum Überlegen und Umdenken zu bringen, nicht mehr so viel Plastik-`Kram´ zu kaufen, dann ist das ein großartiger Erfolg und wir Menschen haben dadurch viel gewonnen. Der Film sagt dem Publikum: „Hallo, werdet aufmerksamer in Sachen Kunststoff. Erkundigt euch. Fragt eure SupermarktverkäuferInnen, was hinter der Plastikverpackung steckt und warum darauf nicht steht, welche Schadstoffe davon in mein Essen gelangen.“ Erst dann wird die Supermarktkette reagieren und sich umstellen. Es ist ein EU Recht, dass der Handel uns darüber Auskunft geben muss, was in den Produkten drinnen steckt.

 

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... unerfüllte Wünsche

Mein großer Wunsch war es, in einem Plastik-Astronauten-Anzug zum Mond zu fliegen. Die Erfüllung des Wunsches war jedoch nicht bezahlbar, da ich das Geld dringender benötigte, um Plastikprodukte wissenschaftlich analysieren zu lassen.  

 

... seinen Erfolg mit "Plastic Planet"

Wenn ich einen Film mache, hoffe ich natürlich, dass er gesehen wird. Dass `Plastic Planet´ jedoch solche Wellen schlägt, hätte ich nie gedacht. Familien in Deutschland, Italien und Österreich begannen plötzlich ihr Leben umzustellen und plastikfrei zu leben – und das nur wegen des Films! Zu meiner Überraschung wurde ich eingeladen, Gesetze in Deutschland auszuarbeiten, zur EU nach Brüssel oder zur Klimakonferenz in Cancún zu fahren. An solche Nachwirkungen des Filmes dachte ich während der Arbeit am Film keineswegs. Ich hielt es nie für möglich, dass wegen des Films Produkte vom Markt genommen werden oder gar neue Produkte auf den Markt kommen. Das überwältigte mich sehr. Andererseits ist es noch immer zu wenig: Es wurden zwar einige Produkte verboten, aber noch immer werden viele Plastikartikel, sogar Kinderspielzeuge, mit besorgniserregenden Substanzen hergestellt. Das dürfen wir nicht mehr länger dulden. (Lesen Sie Was der Film bewirkt hat)

 

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 Klicken Sie auf das Foto und lesen Sie über die Dreharbeiten.  

 

VIDEO - TIPP:

Werner Boote bei der Pressekonferenz - Filmfestival Cinemambiente in Turin, Italien

    

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