Interview mit Werner Boote

 

von Karin Schiefer von der Austrian Film Commission, Februar 2018.

 

In Ihrem vorletzten Film Population Boom haben Sie die These der Überbevölkerung der Erde in Frage gestellt und Zahlen und messbare Fakten hinterfragt. THE GREEN LIE scheint mit Greenwashing das passende Thema zur postfaktischen Ära aufzugreifen, wo es um Imagekorrektur durch Umfärbung von Tatsachen geht. Seit wann ist Greenwashing ein medialer Begriff?

 

WERNER BOOTE: Man spricht von Greenwashing, wenn eine Firma bewusst ihr Image als umweltbewusster und fairer darstellt als es ist. Handelsketten z.B. bewerben mit riesigen Werbeetats ein kleines, umweltschonendes Sortiment, obwohl diese Produkte weit unter 1% des Gesamtumsatzes ausmachen. Die erste bekannte Greenwashing-Kampagne geht in die siebziger Jahre zurück, sie hieß People Do! und wurde von Chevron lanciert, als man draufkam, wie sehr die Industrialisierung die Ressourcen vernichtet und sich Menschen für den Umweltschutz zu interessieren begannen. Sie stellten sich klarerweise als ein Unternehmen dar, das sich rührend für die Erhaltung einer idyllischen Natur einsetzt. Deep Greenwash, wenn also Lobby-Gruppen Druck auf Regierungen ausüben, ist eine der gefährlichsten Sachen überhaupt.

 

 

Spricht Ihr erster Satz im Film „Mir wird gesagt, dass ich die Welt retten kann. Das ist eine Lüge“, das Kernproblem an – nämlich dass die Lösung des dringlichsten Themas unserer Zeit – der Umwelt- und Klimaschutz, dem Individuum übertragen wird, und es in Wirklichkeit dringend und massiv von der Politik reguliert werden müsste?

 

WERNER BOOTE: Immer mehr Menschen in meinem Umfeld wollen fairer, regionaler, biologischer einkaufen. Die fundamentale Frage, die man stellen muss, heißt: „Warum muss ich als Konsument eine Wahl treffen zwischen umweltschonenden Produkten und solchen, die es nicht sind?“, und: Warum wird immer mehr Natur vernichtet, wenn sich alle großen Konzerne als so ‚grün’ verhalten würden wie sie sich darstellen?“ Die Arbeit an THE GREEN LIE hat sehr klar zutage gebracht, dass Eigenverantwortung in den Konsumentscheidungen natürlich wichtig ist. Um eine grundlegende Änderung und Trendumkehr zu bewirken, braucht es definitiv weitreichende politische Maßnahmen. Produkte, bei deren Herstellung Menschenrechte verachtet und die Umwelt vernichtet wird, müssen verboten werden. Was mir zu Beginn der Recherchen für THE GREEN LIE noch nicht so sehr bewusst war, war die Erkenntnis, wie weitreichend das gesamte Wirtschaftssystem überdacht werden muss. Eine Reihe von Modellen gäbe es ja schon. Wir können nicht als Konsumenten hergehen und nachforschen, ob ein Produkt gut oder verwerflich ist. Wie soll ich als Konsument wissen, ob ein angeblich faires Produkt in den Regalen tatsächlich unter fairen Umständen entstanden ist? Aus dieser Machtlosigkeit heraus verspürte ich den Wunsch herauszufinden, wo denn nun die wahre Macht liegt und worin eine Lösung für mich als Bürger liegen könnte?

 

 

Sie haben sich erstmals entschieden, nicht alleine durch den Film zu führen, sondern die Fragestellungen im Dialog abzuwickeln. Wer ist Kathrin Hartmann? Warum haben Sie sich für sie als Filmpartnerin und für die dialogische Form entschieden?

 

WERNER BOOTE: Das Thema beschäftigt mich schon sehr lange – mein erstes Meeting mit Fair Trade hatte ich bereits 2011. Ich habe in meinen letzten Filmen immer wieder die Form gewählt, dass ich durch den Film spaziere und Fragen stelle. Wenn ich keine Interviews führte, habe ich meine Gedanken im Off gesprochen, die ich meist erst im Schneideraum formuliert habe. Diesmal wollte ich etwas Neues ausprobieren, meine Gedanken vor der Kamera aussprechen und sie unmittelbar mit jemandem reflektieren. Ich stellte mir die Frage, ob es möglich ist, mit einer Lösung, die sich in gewisser Weise dem Spielfilm annähert, eine emotionale Ebene in einen Dokumentarfilm einzuziehen. Ich kannte von Kathrin Hartmann das Buch Das Ende der Märchenstunde, das mich sehr bewegt hatte und lernte sie in der Sendung Club 2, einer TV-Diskussionsrunde des ORF kennen, wo wir beide zu Gast waren und wo sie sich gegenüber den Wirtschaftsbossen sehr beeindruckend zur Wehr gesetzt hat. Als ich sie wenige Monate später auf meine Filmidee angesprochen habe, hat sie sofort zugesagt. Von da an standen wir vor der Frage, wie und welche der grünen Lügen wir aufzeigen wollten.

 

 

Einmal mehr reisen Sie auch in THE GREEN LIE um die Welt. Wie haben Sie, da Greenwashing sämtliche Bereiche unseres Konsumverhaltens und somit alle großen Konzerne betrifft, Ansatzpunkte und eine Route gefunden? Gab es prioritäre Themen?

 

WERNER BOOTE: Kathrin Hartmann hat inzwischen mehrere Bücher zum Thema Greenwashing und Nachhaltigkeitgeschrieben und ist in Europa gewiss die Nummer 1 unter den ExpertInnen. Wir haben mal alle Ideen zusammengeworfen. Ich wollte unbedingt BP drinnen haben, da die Katastrophe von Deepwater Horizon und die Imagekampagne um Beyond Petroleum wohl das eindrucksvollste Beispiel an Greenwashing in den letzten Jahren war. Kathrin brachte vor allem Palmöl ein, ein Produkt, mit dem wir, sobald wir im Supermarkt einkaufen, permanent konfrontiert sind. In der Analyse der weiteren Themen stellten wir fest, dass stets die gleichen Mechanismen abliefen und wir suchten nach Beispielen, die das anschaulich erklären. Transport war nun im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Elektroautos sehr wichtig. Auch hier geht es letztlich nicht darum, dass Autos produziert werden, die weniger Abgase machen, sondern um die Frage, was kann gemacht werden, dass nicht jeder mit dem eigenen Auto fährt?

Es stellte sich beim Dreh heraus, dass es nicht genügen würde, nur Mechanismen aufzuzeigen, sondern dass wir auch den Fragen nach möglichen Lösungen nachgehen sollten. Ich wollte nicht zu dem Schluss kommen, dass ich aufgrund punktuellen Wissens auf einzelne Produkte verzichte, sondern dass wir uns die Frage stellen: „Warum darf es überhaupt sein, dass unfaire und umweltzerstörerische Produkte hergestellt und uns verkauft werden?“ Über Gespräche mit Raj Patel, einem der Begründer der Anti-Globalisierungsbewegung, und Noam Chomsky, einem der wohl bedeutendsten Intellektuellen der Welt, kamen hochinteressante Inputs, die den Film immer komplizierter, aber auch immer spannender machten.

 

 

Unter Ihren Gesprächspartnern gibt es Aktivisten, namhafte Professoren; gab es auf Konzernseite Personen, mit denen Sie gerne gesprochen hätten, die aber nicht bereit waren, vor die Kamera zu treten? War es schwierig, ein ausgewogenes Spektrum an GesprächspartnerInnen zusammenzustellen?

 

WERNER BOOTE: Ich wollte z.B. in Zusammenhang mit unserer Recherche zum Thema Textil mit jemandem von Nike sprechen, was abgelehnt wurde. Das mag mit meinen bisherigen Filmen zu tun haben, ich habe aber auch den Eindruck, dass es eine Tendenz bei großen Firmen gibt, freie Dokumentarfilmproduktionen abzulehnen, weil sie imagemäßig meist eher schlecht aussteigen. Andererseits war mir mein Film Plastic Planet sehr hilfreich. Noam Chomsky kannte ihn und war deshalb sofort bereit, mit uns zu sprechen. Er fordert mich im Interview ja auf, mich selbst aus der Komfortzone zu bewegen und über das bloße Aufzeigen des Problems hinaus aktiv zu werden. Das hat dem Film für den letzten Abschnitt nochmals eine andere Dynamik verliehen.

 

 

Die Reise ist ein feststehendes Motiv in Ihren Filmen. Diesmal sind themenbedingt Fortbewegungsmittel selbst ins Bewusstsein gerückt. Ihre eigene Benutzung eines sportlichen Elektroautos, das durch eine eindrucksvolle Landschaft fährt und in der Ästhetik eines Werbefilms aufgenommen ist, führt am deutlichsten Ihre eigene Zerrissenheit, und somit die des westlichen Konsumenten vor Augen. War die Kameraebene ein besonders probates Mittel, unsere Schizophrenie zwischen Haltung und Konsumverhalten zum Ausdruck zu bringen?

 

WERNER BOOTE: Wenn ich dieses Thema filmisch bearbeite, dann muss ich mich auch mit der Ästhetik auseinandersetzen, die uns tagtäglich vorgeführt wird. Diese Gratwanderung setzte sich für uns auch auf der Ebene der Statements fort. Wir hatten etliche Aussagen von Konzernbossen, die uns vor die Frage stellten, was davon dem Film dienlich ist und wo der Halbsatz beginnt, durch den wir als Filmteam für deren Interessen instrumentalisiert werden. Auch unser Umgang mit der REWE-Werbung, wo ein Glücksmonster vorkommt, war filmisch sehr heikel; leicht hätte da der Film in eine falsche Richtung gehen können. Umgekehrt stand auch unsererseits ein Gebot der Fairness im Raum. Aber um auf das Thema unserer eigenen Zerrissenheit zurückzukommen: Warum fliegen wir nicht zu angemessenen Preisen? Wieso gibt es keine Kerosinsteuer? Müssten wir das zahlen, hätten die Fluglinien nicht genügend Auslastung und auf Urlaub wollen wir alle fliegen. Es würde auch uns sehr weh tun, wäre das anders. Ich denke nur, dass wir irgendwann diesen Schritt machen. In der tiefsten Tiefe der Ozeane, im Marianengraben, hat man Plastikteile in den Meereslebewesen gefunden. Konzernmacht brechen klingt nach einem belächelten Schlagwort. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass wir dahin kommen müssen, dass das Wirtschaftssystem demokratisiert werden muss.

 

 

In der Passage in Brasilien, wo eine Konferenz zu alternativen Wirtschaftsmodellen stattfindet, weisen Sie auf eine Reihe spannender Lösungsmodelle hin, ohne auf sie näher einzugehen. Hätte es zu weit geführt?

 

WERNER BOOTE: Das war wohl die Stelle im Film, wo ich mich am schwersten getan habe. Als ich die Beispiele aus der Konferenz noch drinnen hatte, war der Film noch dreieinhalb Stunden lang. Der Vergleich zu Melanie Laurents Tomorrow liegt nahe, der nur positive Beispiele bringt. Wenn ich aber nun innerhalb meines Films ein Firmenmodell vorstelle, dann bekommt dies einerseits einen Beigeschmack von Werbung, andererseits wird bei einem Einzelbeispiel alles auf die Waagschale geworfen. Es geht mir ja nicht darum, darauf hinzuweisen, dass es Menschen mit guten Ideen gibt. Mir ging es darum zu fragen, warum es nicht verboten wird, in Lebensmitteln, die bei uns verkauft werden, Palmöl zu verwenden. Warum lassen sich die Politiker von Tesla abnehmen, was sie mit effizienter Investition in den öffentlichen Verkehr lösen könnten? Ich kann mit dem Film nur einen Anreiz schaffen, die Zuschauer zu motivieren, irgendwo anzufangen.

 

 

Sie waren an Orten hochdramatischer Umweltvernichtung, die vor Ihren Augen stattgefunden hat. Welche Erfahrung ist Ihnen selbst am meisten unter die Haut gegangen?

 

WERNER BOOTE: Das abgebrannte Feld Regenwald war sicherlich das Beeindruckendste. Es ist nicht nur unter die Haut gegangen, sondern auch in die Beine gefahren. Man steht auf einem Torfboden, zwei Meter unterhalb glost es noch und man bricht ganz schön tief ein, ohne zu wissen, wo man landet. Es war richtig abscheulich, umso mehr, als man in der Ferne sehen konnte, wie natürlicher, lebendiger Regenwald ausschaut. Da ist man versucht, den Glauben an das Gute im Menschen über Bord zu werfen. Umgekehrt hab ich ihn bei dieser Konferenz in Brasilien wieder zurückgewonnen. Sehr viele Menschen treten dort in organisierter Form für eine bessere Umwelt ein. An den Aktivisten in Indonesien wurde einen Monat nach unserem Dreh ein Mordanschlag verübt, den er gottseidank überlebt hat und umgekehrt wurde die Firma, auf deren Feld wir gedreht haben, zu einer Strafe verurteilt. Es kann etwas bewegt werden. Man kann es als positiven Elan aus diesem Film mitnehmen, dass weltweit sehr viele Menschen überzeugt sind, dass es so nicht weitergehen kann und ein neues Wirtschaftsmodell gefunden werden muss. Chomsky bringt einen wunderbaren Vergleich, wenn er darauf verweist, wie man im 16. Jh. zur Regierungsform der Demokratie gestanden ist. Das vermittelt ein Gefühl dafür, dass wir es schaffen können.

 

 

Hatten Sie nie die Sorge, mit den Entdeckungen, die Sie im Laufe von GREEN LIE vor Augen führen, auch zu entmutigen?

 

WERNER BOOTE: Nein, das glaube ich nicht. Es geht um bewussten Umgang und um den Versuch, so fair wie möglich einzukaufen. Dennoch betone ich noch einmal, die Frage nach meinem Einkaufsverhalten ist die falsche Frage. Unfaires und umweltzerstörerische Produzieren muss verboten werden. Raj Patel betont das sehr deutlich: Niemand kann in allen dafür notwendigen Bereichen Experte sein.

 

 

Ist bei so viel Missbrauch der Begriff der Nachhaltigkeit noch zu retten?

 

WERNER BOOTE: Ich glaube, dieses Wort ist nicht mehr zu retten. Die ursprüngliche Idee des Wortes stammt aus der Fortwirtschaft, und spricht die Idee an, den Wald nur so abzuholzen, dass er auch nachwachsen kann. Diese Grundidee ist schon längst pervertiert. Vor nicht allzu langer Zeit waren es 60 Menschen, die die Hälfte des Weltvermögens besaßen, jetzt sind es nur noch acht und es werden noch weniger werden. Die Konzentrierung des Kapitals wird dazu führen, dass es so nicht weitergehen kann. Spätestens wenn die Hälfte des Weltvermögens einer Person gehört, wird sich etwas ändern.

 

 

Interview: Karin Schiefer (AFC), Februar 2018

 
 

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